28. Mai 2016  00:00

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Paul Pillaths Wohnzimmer

4 Jahre möblierte Konzerte

Paul Pillath sitzt auf einem alten Ledersofa in seinem Wohnzimmer. Noch ist es ruhig, aber in schon wenigen Stunden wird es laut und voll auf den 120 Quadratmetern. Wie jeden Freitag findet ein Konzert statt.

Von Sara Pluskota

Als der 30-JĂ€hrige im Mai 2012 die TĂŒr zum Wohnzimmer aufschloss, öffnete er KĂŒnstlern und Musikern eine neue Plattform in Gelsenkirchen. Von Rock und Pop, bis hin zu Jazz und Hip-Hop hat die WohnzimmerbĂŒhne schon alles erlebt. Sein Traum KĂŒnstlern und Musikern eine BĂŒhne zu geben hat Paul somit erfolgreich umgesetzt. Verwirklicht hat er dies allein durch ehrenamtliche Helfer und Spenden.

:: Seitenwechsel ::

Nach der Schließung der Musikkneipe "Rosamunde" in Gelsenkirchen kam Paul mit einer Freundin auf die Idee, selbst einen Ort zu schaffen, wo sich KĂŒnstler und Musiker treffen können. Er ist in Gelsenkirchen geboren und aufgewachsen, war selbst jahrelang als Musiker in der Stadt unterwegs. Er hatte eine Band, arbeitete als Musiklehrer an einer Hauptschule und komponierte und schrieb fĂŒr andere. Doch eins hat ihm in Gelsenkirchen schon immer gefehlt: „Eine richtige aktive Musikerszene und ein großes Angebot von Treffpunkten, vor allem in dieser GrĂ¶ĂŸenordnung, gibt es hier leider nicht.“

Nun hat er, wie er selbst sagt, die Seiten gewechselt. Seine eigene Band hing er mit der GrĂŒndung des Wohnzimmers an den Nagel. Die Arbeit im Wohnzimmer und sein Job als Talentscout an der Hochschule Ruhr West in MĂŒhlheim beanspruchen einfach zu viel Zeit: „FĂŒr mich ist das Wohnzimmer trotzdem auf jeden Fall ein Wohnzimmer. Vom Umfang her ist die Arbeit hier zwar mindestens ein Halbtagsjob, aber es macht mir wahnsinnig viel Spaß.“

:: „Ein schöner Luxus den wir da haben“ ::

Gestartet ist Paul mit der Idee, den lokalen Musikern eine BĂŒhne zu geben. Das Wohnzimmer-Konzept hat sich aber bereits nach einem halben Jahr so herumgesprochen, dass die Bookinganfragen von Berufsmusiker aus ganz Deutschland von selbst kamen. Sogar Musiker aus der Schweiz, den Niederlande, England, Kanada und Australien unterhielten bereits die GĂ€ste des Wohnzimmers. Besonders die Band All Menkind, die auch auf Festivals wie dem Hurricane auftreten, waren fĂŒr Paul ein kleiner Höhepunkt und außergewöhnlich.

Sieben bis acht Anfragen erhĂ€lt er mittlerweile tĂ€glich. Es könnte jeden Tag ein Konzert stattfinden, aber zeitlich und finanziell ist es dem Wohnzimmerteam nicht möglich dies zu stemmen. Bis zum MĂ€rz 2017 ist die BĂŒhne aber bereits jeden Freitag ausgebucht. Musiker die selbst auftreten wollen, mĂŒssen sich also ein wenig gedulden.

:: Treffpunkt fĂŒr alle Kreativen und Kulturinteressierten ::

Wem auch eine zwanglose Jamsession reicht, kann jeden ersten Donnerstag im Monat in der Wilhelminenstraße vorbeischauen. Bei der offenen BĂŒhne kann jeder mitmachen und alle können lauschen. Seit einem halben Jahr wird fĂŒr die Open Stage auch aktiv in den FlĂŒchtlingsunterkĂŒnften eingeladen. Und das Interesse ist da - Menschen die aus anderen LĂ€ndern geflohen sind, machen mit Menschen aus der Region Musik. „Wir sprechen durch die Musik eine Sprache“, fĂŒr Paul ist dies immer wieder ein besonderer Moment.

Der Schwerpunkt im Wohnzimmer liegt auf der Musik - aber die Wall of Art gibt auch KĂŒnstlern die Möglichkeit ein Monat lang eigene Bilder auszustellen. Von Fotografien ĂŒber Malerei bis hin zu Graffitis ist alles möglich.

:: Durch Spenden finanziert ::

„Am Anfang fanden viele die Idee vom Wohnzimmer cool, aber sie hielten mich auch fĂŒr bekloppt so ein Projekt ohne einen Cent in der Tasche zu starten“, so Paul. Trotzdem begann er das Konzept zu entwickeln und einen Ort, Möbel und Leute zu suchen. Und es klappte; das Wohnzimmer ist bis heute ein gemeinnĂŒtziger Verein, der nicht trĂ€gergebunden ist und sich alleine durch Spenden finanziert. Es wird auch kein Eintritt von den GĂ€sten verlangt.

Es ist allerdings ein kleiner Kampf. Die Fördersituation in Gelsenkirchen ist alles andere als rosig, beschreibt Paul die finanzielle Lage des Wohnzimmers. 80 Vereinsmitglieder zĂ€hlt das Wohnzimmer aber bereits, wovon 15 aktiv und vor allem ehrenamtlich in Bereichen wie dem Service, Pressearbeit und dem Booking mitarbeiten. „Keiner von uns geht am Ende des Tages mit vollen Taschen nach Hause. Uns geht es alleine darum, eine BĂŒhne zu schaffen und die Kunst zu fördern“, so Paul.

:: „Wohnzimmer“ steht unmittelbar fĂŒr das GefĂŒhl und die AtmosphĂ€re ::

Auch ein zweites Wohnzimmer wĂ€re möglich, denn es erreichen Paul nicht nur Bookinganfragen. Menschen aus anderen StĂ€dten erkundigen sich bei ihm, ob sie das Konzept und den Name ĂŒbernehmen dĂŒrfen. Unter Pauls Flagge wollen sie in anderen StĂ€dten weitere Wohnzimmer umsetzen. „Ist natĂŒrlich auch geil, aber wir haben im Moment schon hier viel zu tun“, das Team spielt bereits mit dem Gedanken, Open Air Veranstaltungen zu starten und grĂ¶ĂŸere Location fĂŒr besondere Veranstaltungen zu suchen: „aber die AtmosphĂ€re hier macht das Wohnzimmer zum Wohnzimmer. Es funktioniert nicht in der Flora, in der Kaue, oder im Musiktheater, weshalb neue Location immer schwierig sind.“

Die Location selbst kann auch fĂŒr Seminare, Sitzungen, Fotoshootings oder zum Beispiel fĂŒr Videodrehs gemietet werden. Weekend aus Gelsenkirchen drehte bereits zwei seiner Musikvideos in den vier WĂ€nden und auch ein Casting fĂŒr eine Sitcom fand bereits im Wohnzimmer statt. „Das war schon mit das verrĂŒckteste was ich hier erlebt habe“, erinnert sich Paul.

Am 17.06.2016 feiert das Wohnzimmer erstmal sein VierjĂ€hriges JubilĂ€um - natĂŒrlich mit live Musik. Auf der BĂŒhne gibt es HonigMut aus LĂŒdenscheid und the Great Faults aus MĂŒhlheim zu hören. Ein Dj soll ebenfalls die GĂ€ste unterhalten.

Paul hofft das weiterhin genug Spenden zusammen kommen und das Wohnzimmer noch lange erhalten bleibt.



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InfoBox

Ihr findet das Wohnzimmer an der Wilhelminenstraße 174 b in 45881 Gelsenkirchen. Es gehört zu den GebĂ€uden der ehemaligen Zeche Wilhelmine Victoria 1/4, direkt neben dem Veranstaltungsort KAUE.

Öffnungszeiten:

Donnerstag & Freitag, 18 Uhr bis Open End

Weiteres zum Wohnzimmer findet ihr hier.

Foto: © ujesko.de

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Foto: © ujesko.de

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