26. Mai 2016  00:00

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Verstörende Bilder

Schokoladen-Schockfotos

Ferrero druckt verstörende Bilder auf die kinder-Schokolade. Ein genialer Coup der Italiener.

Von Martin Liebig

Da hilft kein Leugnen mehr: Schock-Fotos sind der pulsierende Marketing-Trend der Stunde. Kunden und Kiosk-PĂ€chter stecken die Köpfe zusammen und debattieren Lichtfall und Knipswinkel der Feinstaub-Lunge auf der taufrisch eingetroffenen Marlboro-Packung. Erste Sammler-Clubs sind gegrĂŒndet und stehen im formalen Antrag auf GemeinnĂŒtzigkeit, denn die EU hat eine echte kleine Serie von Achtung-Fotografien angekĂŒndigt; bisher sind es lĂ€cherliche 18, aber es werden mehr, ist ganz fest versprochen. Auch ein Panini-Sammelheft ist in Vorbereitung, wie buerpott erfuhr: diesmal nicht sortiert nach Nationalteams, sondern nach befallenen beziehungsweise ehemaligen Gliedmaßen.

Der nĂ€chste Staatsfeind Nummer eins nach dem baldigen Endsieg ĂŒber Nikotin/Teer steht indes seit Jahren in den Startlöchern, oder, besser, in argwöhnischer Lauerstellung: der Zucker, mit ihm: die Verfettung des Volkskörpers. In diesem Sinne hat die sympathische italienische Unternehmung Ferrero, wie buerpott ebenfalls erfuhr, Anfang des Jahres ihre besten Marktstrategen ins mehrwöchige Konklave geschickt mit dem Auftrag: Bevor wir Schockbilder auf unsere Schokos drucken mĂŒssen - wie können wir’s am unschĂ€dlichsten freiwillig tun? Erste Erkenntnis der BWL-Gurus: die alberne braune (!) Kakao-Stange und das augenklimpernde weibliche Milchglas mĂŒssen zunĂ€chst mal raus aus der TV-Werbung. Stattdessen, so der teuflische Plan der Spin-Doktoren: Kinderfotos der aktuellen Nationalkicker. Ganz groß auf die Packung der „kinder-Schokolade“.

Ein Coup. Ein Streich. Ein Treffer. Die Branche ist zerrissen zwischen unverhohlenem Neid und Bewunderung: schließlich empfinden die schĂ€tzungsweise inzwischen 99 Prozent AfD-AnhĂ€nger in diesem Land das Konterfei des heranreifenden JerĂŽme Boateng offenkundig als, erstens, frische Info ("der war schon immer schwarz?"), aber zweitens vor allem als verstörende optische Botschaft, kurzum: als Schock-Foto - und genau diese unwiderstehliche Markt-RealitĂ€t hat Ferrero, GerĂŒchten zufolge, bereits offiziell an die EU-Kommission gemeldet. Fettleber-Fotos unnötig! Bilder von karieszerfressenen Beißleisten auch! Afro-Deutscher im Kindesalter genĂŒgt!

In diesem Sinne profiliert sich gerade auch wieder Pegida, das organisierte anstĂ€ndige BĂŒrgertum im Lande. Eine Ortsgruppe ließ sinngemĂ€ĂŸ verlauten und inzwischen wieder löschen: ein Neger und ein KĂŒmmeltĂŒrke (Özil) auf der Schokoladen-Packung, das gehe gar nicht. Vorerst ließ der demonstrierende Arm der AfD offen, ob ein minderjĂ€hriger unterbezahlter Ferrero-Kakao-Ernte-Neger ohne Arbeitsschutz und Versicherung in der ElfenbeinkĂŒste auch gar nicht geht. Aber das kommt dann bestimmt im nĂ€chsten Post.



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Der DFB findet Kritik an den kinder-Verpackungen nicht angemessen.

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