30. April 2016  00:00

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Drogenberatung „KontaktCentrum“

Zuerst kommt die Sucht

Wer das Mutter-Theresa-Syndrom hat, sollte nicht in die Drogenberatung gehen, findet Katharina Küsgen. Sie berät seit fünf Jahren Menschen, die eins gemeinsam haben: Die Sucht. Ihr Job ist es, ihnen zuzuhören – nicht, sie zu bekehren.

Von Alicia Theisen

Katharina Küsgen stürmt in ihr Büro. Sie stellt ein paar Ordner in den Schrank und schnappt sich ihre Brotdose. Zum Essen hatte sie wenig Zeit. Die 34-Jährige hat heute zehn Drogensüchtige beraten. Sie ist eine Art Allrounder im „KontaktCentrum“ Gelsenkirchen und leitet die Bereiche Beratung, Prävention und Niedrigschwelligkeit. Genau diese Niedrigschwelligkeit ist es, die Küsgen so gut gefällt: „Es heißt einfach, dass niemand einen Termin für ein Gespräch braucht.Wer reden will, kommt schnell vorbei.“ Termine könnten die meisten Konsumenten sowieso nicht einhalten.

:: Die Sucht akzeptieren ::

Wie Katharina Küsgen auf die Idee gekommen ist, in die Drogenberatung zu gehen, fragt sie sich bis heute. Sie weiß nur eins: Für sie gibt es keinen besseren Beruf. Nach einem Sozialwissenschaften Studium in Bochum, hängte sie ein Kriminologie Studium an. „Mir hat schon immer das Abweichende mehr gefallen, als das Normale“, gibt sie schmunzelnd zu.

2011 folgte sie einem Jobangebot in die Drogenberatung Marl. Strikte Arbeitsmuster und Termine - für die gebürtige Gladbeckerin war das nichts. Ein Jahr später kam sie nach Gelsenkirchen. Hier ist kein Tag wie der andere. Routine gibt es nicht. Im letzten Jahr haben Katharina Küsgen und ihre 13 Kollegen insgesamt 700 Menschen beraten. Dabei ist es wichtig, die Sucht zu akzeptieren, erklärt Küsgen: „Ich will die Leute nicht bekehren. Das sind alles Erwachsene, die selber über ihr Leben entscheiden können. Wer sich für die Suchthilfe entscheidet, sollte nicht das Mutter-Theresa-Syndrom haben.“

In den Gesprächen finden die Berater und Beraterinnen heraus, wer aufhören will und wer nicht. Jeder wird so gut unterstützt, wie möglich. Dem einen wird geraten, vom spritzen aufs inhalieren umzusteigen, der andere wird vermittelt. „Natürlich ärgert man sich, wenn man monatelang mit der Staatsanwaltschaft telefoniert, um alles für eine Therapie einzufädeln und derjenige dann nach zwei Tagen hinschmeißt, aber das gehört eben dazu.“

:: Spritzbesteck-Tausch beim FuĂźballspiel ::

Küsgen packt ihre Brotdose weg und steht auf. Sie schließt ihr Büro ab und läuft die Treppe herunter. Denn direkt unter der Beratungsstelle liegt das Café des „KontaktCentrums“; eine Anlaufstelle für Gelsenkirchens Drogenszene.

Nicht alle gehen offen im Gespräch mit ihrer Sucht um, meint die 34-Jährige: „Viele versichern mir immer wieder, sie seien „clean“, aber irgendwann kommt der Tag, an dem man sich beim Folien abholen trifft.“ Die brauchen die Konsumenten, um beispielsweise Heroin zu rauchen. Neben Alufolie können sie sich hier auch sauberes Spritzbesteck abholen und gegen das schmutzige Besteck tauschen.

Im Café darf nicht konsumiert werden. Zigaretten, Bier und Wein sind allerdings kein Problem. „Man kommt hier ins Gespräch und tauscht sich aus und wer Fragen hat, geht hoch in die Beratung“, erzählt Küsgen. Am Wochenende wird im Café natürlich zusammen Schalke geguckt – und da bleiben Sticheleien nicht aus. Küsgen ist nämlich BVB-Fan und dazu steht sie: „Ich sage immer, das ist Schalke und hier arbeite ich. Die Stadt ist klasse, der Verein eben nicht.“

:: Wer dealt, fliegt raus ::

Anders als in Bochum, Essen oder Dortmund, gibt es in Gelsenkirchen keinen Raum, in dem der Konsum illegaler Drogen erlaubt ist. Wer auf der Toilette mit Drogen oder beim dealen erwischt wird, fliegt raus. Auch gibt es immer wieder Auseinandersetzungen. „Der Unterschied zwischen uns und einer Kneipe ist, dass wir die Polizei um vier Uhr nachmittags und nicht um vier Uhr morgens rufen“, lacht Küsgen. Grund für die Konflikte sind vor allem die Drogen. Denn sie stehen für einen Konsumenten an erster Stelle. Die häufigsten Drogen, mit denen das KontaktCentrum zu tun hat sind Opiate wie Heroin, Methadon oder muskelentspannende Mittel wie Tetrazepam. Freundschaft sei in der Drogenszene ein schwieriges Thema, so Küsgen. „Zuerst kommt immer die Sucht. Und um das Bedürfnis zu befriedigen wird eben geklaut und gelogen. Da haut man sich gegenseitig in die Pfanne.“

:: Eine Mauer bauen ::

Küsgen ist Antigewalttrainerin und hat Fortbildungen in motivierender Gesprächsführung gemacht. „Der Rest ist Erfahrung und gesunder Menschenverstand“, sagt sie. Die Drogenberaterin kennt ihre Grenzen. Es ist ihre Pflicht, traumatisierte Menschen an Psychologen weiterzuvermitteln.Wenn beispielsweise Kinder in einem Fall akut gefährdet sind, darf sie ihre Schweigepflicht brechen. „Das sind dann so Fälle, die einem sehr nahe gehen. Die sind aber zum Glück sehr sehr selten.“

Die 34-Jährige hat gelernt, mit den Geschichten, die sie jeden Tag hört, umzugehen – eine Mauer zu bauen. Das Gespräch mit ihren Kollegen hilft ihr. „Das meiste mache ich aber mit mir selbst aus. Richtig verarbeiten kann ich vieles erst auf dem Weg nach Hause.“ Eine halbe Stunde braucht sie mit dem Auto von der Gelsenkirchener Innenstadt bis nach Gladbeck.

Den Moment, in dem ein Ehemaliger durch die Tür kommt und strahlend erzählt, er sei „geheilt“, gab es noch nie. „Ich erwarte das auch gar nicht. Für mich sind es die kleinen Erfolge, die zählen. Zum Beispiel jemand, der stabil im Programm ist, vielleicht sogar ohne Beikonsum.“

Die meisten kommen freiwillig in die Beratung oder zur Nachsorge nach einer Therapie. Andere haben jedoch Bewährungsauflagen. Jugendliche werden oft von ihren Eltern gezwungen. „Ich hatte mal einen Jungen, der nur gebockt hat. Dem habe ich dann einfach gesagt, wo die Tür ist. Ich schlafe heute Nacht gut, mir ist egal, was mit dir passiert, habe ich ihm gesagt. Er ist dann auch wirklich gegangen. Aber nach dem Wochenende hat er angerufen. Das sind so Momente, in denen ich weiß, dass ich den besten Job der Welt habe.“



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Geschäftszeiten:

Montag - Donnerstag: 8.30 bis 16.30 Uhr

Freitag: 8.30 bis 14.00 Uhr

Telefon: 0209 517830

mehr Infos unter www.drogenberatung-kc.de

Von einer Sucht spricht man...

...wenn drei oder mehr der folgenden Punkte einen Monat lang zutreffen oder innerhalb von 12 Monaten wiederholt aufgetreten sind:

- starkes Verlangen oder "Zwang" zum Konsum

- verminderte Kontrolle ĂĽber Beginn und Beendigung des Konsums, sowie ĂĽber die Menge

- körperliche Enzugssymptome bei Absetzung

- Toleranzentwicklung (eine höhere Menge der Droge wird benötigt, um den gleichen Effekt zu erzielen)

- Einengung auf Substanzgebrauch (psychosoziale Isolation, Familie, Freunde und Arbeit geraten in den Hintergrund)

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