25. November 2015  00:00

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Seelsorge bei der Polizei

Wo Polizisten weinen dĂŒrfen

Spannend, belastend, hochemotional: der Beruf des Polizeiseelsorgers. Vor sechs Jahren entstand in Gelsenkirchen eine Anlaufstelle fĂŒr Polizeibeamte geschaffen, die ĂŒber Erlebnisse im Einsatz sprechen wollen.

Von Lena Gerbig

Die Sonne scheint, der Himmel ist strahlend blau. Es ist kalt und die Glocken der Apostelkirche an der Horster Straße lĂ€uten zum Gottesdienst.

Einmal im Jahr laden die Seelsorger der Gelsenkirchener Polizei zur Gedenkfeier fĂŒr verstorbene Kollegen ein. Bernd Malecki und Andreas Dombrowski sind schon einige Jahre als Polizeiseelsorger unterwegs. Sie können allerdings nie abschĂ€tzen, wie viele Leute tatsĂ€chlich zu einer Gedenkfeier kommen. "Wir rechnen heute mit achtzig Leuten", erklĂ€rt Bernd Malecki, wĂ€hrend er Liedzettel auf die KirchenbĂ€nke legt. Das hĂ€nge immer davon ab, ob viele Kollegen im vergangenen Jahr verstorben seien – oder ob ein schlimmer Einsatz stattgefunden habe. Oder, er grinst, ob die PolizeiprĂ€sidentin so eine Gedenkfeier gut finde.

2009 habe sich ein Polizist auf einer Gelsenkirchener Wache umgebracht, das sei damals der Anlass gewesen, eine Gedenkfeier ins Leben zu rufen.

:: Tod passiert immer ::

"Wir werden mit der Todesnachricht rausgerufen", erklĂ€rt Bernd Malecki. Er wirkt sehr gefasst, wĂ€hrend er das erzĂ€hlt. Der Tod begleitet die Polizeiseelsorger stĂ€ndig - nicht unbedingt, weil jemand im Dienst stirbt. Auch in der Ausbildung der jungen Polizeibeamten wird oft ĂŒber das Thema gesprochen. Beide Seelsorger finden es wichtig, dass man sich frĂŒh mit dem Tod auseinander setzt. "Tod ist jederzeit dran, nicht erst, wenn wir alt und krank sind", mahnt Andreas Dombrowski. Der 52-JĂ€hrige ist evangelischer Kreispfarrer und unterrichtet am Eduard-Spranger-Berufskolleg. Zur Polizeiseelsorge, die er nebenberuflich ausĂŒbt, kam er vor dreizehn Jahren.

Bernd Malecki ist erst seit sechs Jahren in der Polizeiseelsorge unterwegs. Der 53-jÀhrige Oberhausener ist katholisch und Diakon im Bistum Essen. Die beiden MÀnner teilen sich den Dienst der Polizeiseelsorge in Gelsenkirchen.

:: Wenn dem Polizisten zum Heulen zumute ist ::

An diesem Tag ist die Gedenkfeier mĂ€ĂŸig besucht. Etwa 20 Polizisten in blauer Uniform stehen in den vorderen Reihen, ein paar Ă€ltere Leute sind auch da. Eine junge dunkelhaarige Frau fĂ€llt auf. Sie hat einen Kinderwagen im Mittelgang abgestellt und sitzt mit dem Kind auf ihrem Schoß da. Eine Angehörige? - Nein.

Der Polizeichor singt wÀhrend der Andacht mehrere Lieder. Ansonsten ist es still, nur das Baby quietscht und fordert die Aufmerksamkeit seiner Mutter.

Pfarrer Andreas Dombrowski spricht ĂŒber die Belastung von Polizeibeamten: "Die Polizei soll immer StĂ€rke zeigen, mutig sein und dem Schwachen helfen. Sie trĂ€gt Uniform und reprĂ€sentiert damit den Staat. Aber auch den StĂ€rksten ist manchmal zum Heulen zumute."

Dombrowski erinnert sich dabei an einen Einsatz als Polizeiseelsorger. Ein junger Polizist ist vor einigen Jahren im Dienst verunglĂŒckt. Andreas Dombrowski hat damals der Ehefrau die Todesnachricht ĂŒberbracht. Sie hatte ein kleines Kind auf dem Arm. Nachdem die Frau vom Tod ihres Mannes erfahren hatte, war es ganz leise. Dann fing das Kind an zu schreien.

"Dieses Schreien hallt nach. Auch noch Wochen oder Jahre spÀter", erinnert sich Andreas Dombrowski.

Nach einem Moment der Stille werden Kerzen angezĂŒndet: fĂŒr die zwei Kollegen, die krankheitsbedingt im vergangenen Jahr verstorben sind, fĂŒr Verstorbene im Ruhestand, Verstorbene aus dem Polizeichor sowie fĂŒr die Opfer von Paris.

:: Tod macht was mit dir ::

"Wenn jemand stirbt, dann macht das was mit dir", sagen Bernd Malecki und Andreas Dombrowski. Man nimmt die GerĂŒche auf, Bilder, GerĂ€usche. Die bleiben erst einmal im Kopf.

Wichtig ist es dann, dass die Polizisten betreut werden. "Ich sag denen meistens, dass sie zuhause daran denken sollen, etwas zu essen und zu trinken. Und am besten keinen Alkohol. Manchmal fragen wir auch, ob Angehörige zuhause sind.", beschreibt Bernd Malecki seine Arbeit.

Meistens schaut man als Seelsorger nur auf die Betroffenen und die Angehörigen. Sein Blick rĂŒckt in weite Ferne, wĂ€hrend er erzĂ€hlt: "Einmal hat mich eine Krankenschwester gefragt: 'Und, wie geht es Ihnen damit?' - Da musste ich erstmal schlucken. Mich fragt selten jemand, wie es mir geht. Aber das tat gut."

:: Eine hohe Dunkelziffer ::

Die Polizeiseelsorge hilft nicht nur, wenn jemand verstorben ist. Sie betreut auch Polizisten, die im Dienst Gebrauch von ihrer Schusswaffe gemacht haben. Die Beamten mĂŒssen nĂ€mlich ihre Schusswaffe zur Untersuchung abgeben und werden zunĂ€chst vom Dienst befreit. Auf Wunsch können die Polizisten psychologisch betreut werden – Bernd Malecki meint, das sei ratsam. Viele Kollegen seien durcheinander, vor allem, wenn sie jemanden verletzt oder getötet hĂ€tten.

Die Dunkelziffer der Polizeibeamten, die eigentlich Hilfe bei der psychischen BewĂ€ltigung von EinsĂ€tzen benötigen, ist hoch. Bernd Malecki weiß, dass zusĂ€tzlich auch die steigende Respektlosigkeit und Gewaltbereitschaft der Menschen vielen Kollegen Angst macht.

:: Reden hilft ::

Beide Seelsorger sprechen regelmĂ€ĂŸig mit Kollegen ĂŒber ihre Arbeit. "Ich sach immer: Reden hilft", meint Bernd Malecki. Sein Kollege pflichtet ihm bei. Auch den Polizeibeamten wird geraten, ĂŒber ihre Ängste und Gedanken zu sprechen.

Wenn die Seelsorger nicht mehr helfen können, wird der betroffene Polizist an den Polizeipsychologen weitergegeben. "Wir wollen schließlich die Kollegen schnellstmöglich wieder dienstfĂ€hig machen", erklĂ€rt Bernd Malecki.

Am Ende der Gedenkfeier tritt die junge Frau mit dem Kinderwagen auf die Polizeiseelsorger zu. Sie bittet auf Englisch um Hilfe. "Eine Syrerin, die Hilfe braucht", erklÀrt Bernd Malecki. Gemeinsam mit Bernd Dombrowski erklÀrt er ihr den Weg zur Urbanuskirche in der Bueraner Innenstadt. Sie hoffen, dass der Frau dort geholfen werden kann.

Als Seelsorger ist man immer im Dienst.



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Hier gelangen Sie zu den Webseiten von Andreas Dombrowski und Bernd Malecki.

Pfarrer Andreas Dombrowski begrĂŒĂŸt die GĂ€ste

Diakon Bernd Malecki

Die Kirche ist mĂ€ĂŸig gefĂŒllt

Polizeiseelsorger Bernd Malecki im persönlichen GesprÀch

Kerzen im Gedenken an die Verstorbenen

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