08. Juni 2015  00:00

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Deutsche Post Streik Verdi

Zuviel Gewohnheit schadet dem GemĂŒt.

Nun, der Mensch ist ein Gewohnheitstier – das ist bekannt. FrĂŒhstĂŒck um sieben, Knoppers um halb zehn, Tagesschau um acht.

Von Nina Witt

Der Postbote klingelt stets gegen 13 Uhr. Immer bei mir, immer unten rechts. Heute allerdings nicht. Sowas. Das ist eine UnverschĂ€mtheit. Schließlich hĂ€ngen von Expresslieferungen ernstzunehmende GefĂŒhlsausbrĂŒche ab, wenn nicht sogar Leben. Ich schreie zwar nicht, wenn der Zalando-Bote kommt, wohl aber, wenn er nicht kommt.

„Wer sich auf andere verlĂ€sst, der ist verlassen.“ – so ein deutsches Sprichwort. Ich fĂŒhle mich nun tatsĂ€chlich im Stich gelassen. Daher wĂ€hle ich die Hotline der Deutschen Post und klage erst der Warteschleife, anschließend dem ĂŒberforderten Mitarbeiter mein Leid. Und zwar, dass die Situation als Ganzes nicht zu fassen sei, dass bereits die Portokosten eine pĂŒnktliche Zustellung rechtfertigen mĂŒssten, dass ich nun nicht weiß, welche Schuhe ich anziehen soll und dass es mir schnurzpiepegal ist, wann mein Postbote das letzte Mal ein Trinkgeld gesehen hat. Dieser egoistische Mensch kann sich vermutlich nicht vorstellen, wie ich mich nun fĂŒhle. Da sind sie wieder, die AbgrĂŒnde der menschlichen Grausamkeit. Nur weil die LokfĂŒhrer, Erzieher, und wie sich nicht alle heißen, streiken, muss ich nun mein Tagesoutfit neu ĂŒberdenken. Dass ich zudem nicht weiß, welche Rechnungen ich zĂŒgig zu bezahlen habe, macht es nicht besser. Mein Briefkasten hĂ€ngt schließlich nicht zu Dekorationszwecken im Hausflur – das ist alles organisierte, systematische Funktionsarbeit.

Meine Schwester hat es noch hĂ€rter getroffen: Nur weil diese Leute von der Post nicht zufrieden sind mit dem, was sie kriegen, muss sie nun auf ihre abonnierte Zeitschrift verzichten. Ich fasse mir kurzerhand ein Herz und beschließe, sie mit einem Besuch auf heiterere Gedanken zu bringen. Die Arme muss sich schrecklich verlassen fĂŒhlen, so ganz ohne Lesestoff. Wer weiß, wozu dieser Streik gut ist. Gott sei Dank habe ich zumindest mit der Anreise keine Probleme: die Bahn fĂ€hrt ja nun wieder.



Bisherige Kommentare

a.b.   08.06.2015, 19:29:29 Uhr

Super Artikel. Toll geschrieben! Wie immer :)



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