14. November 2014  00:00

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Kneipe "Zwiebel" in Buer

Ein Leben hinterm Tresen

Scheinbar unscheinbar: Fernab von der Innenstadt und den dazugehörigen Bars öffnet die „Zwiebel“ seit 25 Jahren täglich ihre Türen. Und nicht nur die kleine Eckkneipe versprüht ihren urigen Charme – auch Wirtin Gudrun Winnich ist ein echtes Unikat.

Von Leoni Handel

Lächelnd begrüßt die weißhaarige Dame ihre Kunden. Zapft routiniert mehrere Biere, während sie gleichzeitig über den Tresen hinweg mit einem Gast, ein älterer Herr, der nicht genannt werden möchte, scherzt. Sie erkundigt sich nach seiner Frau und den Enkelkindern, während sie ihm das Bier herüber reicht.

25 Jahre Kneipengeschichte hat Gudrun Winnich (68) in der "Zwiebel" geschrieben. Geschichten, die so vielfältig sind wie ihre Kundschaft: „Es gibt keine wirkliche Altersklasse. Von 18 bis 88 ist alles dabei. Es kommen nicht nur Rentner, sondern auch viele junge Leute, vor allem die Jungs von der Berufsschule“, erzählt die Kneipenbesitzerin. Ärger gibt es allerdings kaum. Denn obwohl die kleine Frau mit dem freundlichen Gesicht auf den ersten Blick nicht danach aussieht – durchgreifen kann sie. „Die Jungs mögen mich. Frech werden die nicht“, erklärt sie und strahlt dabei.

Dass ihre Gäste sie mögen, merkt man auf den ersten Blick: „Ich habe Gudrun vor über zehn Jahren kennengelernt“, erinnert sich René Wollny (47), während er ein neues Pils ordert. Der Monteur kommt aus Sachsen und besucht die "Zwiebel" jedes Mal, wenn er im Ruhrgebiet unterwegs ist. Er schaut hier gern vorbei und bringt, wenn es sich einrichten lässt, auch seine Frau mit. Julian Jablonowsky (16) kennt die Wirtin sogar noch ein bisschen länger: Seine Großmutter ist mit Gudrun befreundet, sie kennt den Jungen bereits seit seiner Geburt. Auch er besucht die "Zwiebel" gern. Und nicht nur das: „Wenn ich älter bin, würde ich die Kneipe gerne übernehmen. Der Laden ist einfach cool“, erzählt er.

:: Eine spannende Lebensgeschichte ::

Doch auch vor der "Zwiebel" war das Leben der 68-Jährigen alles andere als langweilig: Sechs Jahre lang hat sie bei ihrer Schwester in Frankreich gelebt und dort in deren Restaurant gearbeitet. Auch hier in Deutschland ist sie herumgekommen. Geboren wurde die Rentnerin in Hessen, aufgewachsen ist sie in Bottrop. Nach ihrer Heirat zog sie nach Gladbeck und landete schließlich in Gelsenkirchen. „Da wusste ich noch nicht mal, dass es hier das Schalke-Stadion gibt“ sagt sie und lacht dabei. „Das hier ist auch keine reine Fußball-Kneipe, das möchte ich nicht. Ich freue mich zwar, wenn Schalke gewinnt, aber hier darf jeder rein. Wenn ein Dortmund-Fan hier trinken möchte, bekommt er trotzdem ein Bier.“ Und dennoch: Stolz ist sie schon auf ihren prominenten Schalker Gast: „Der Manuel war früher auch manchmal hier, um eine Cola zu trinken. Also, als er noch bei Schalke gespielt hat.“

:: Nicht jede Veränderung war gut ::

In 25 Jahren hat sich allerdings auch eine Menge verändert. Nicht nur zum Guten. „Die Gegend hier hat sich wirklich verändert“, sagt Gudrun ein wenig bedauernd, „früher war Buer eine tolle Adresse, da kannte man auch noch jeden. Mittlerweile ist alles so anonym geworden.“ Und nicht nur anonym, sondern auch beinahe ein wenig verkommen. Sie kramt Fotos hervor, auf denen ihr Biergarten zu sehen ist. „Früher hatte ich den schönsten Blumengarten in ganz Buer“, verkündet sie stolz, „doch mittlerweile werden mir die Blumen rausgerissen, sobald ich sie gepflanzt habe. Da habe ich dann irgendwann die Lust daran verloren.“

:: FuĂźball wird woanders geguckt ::

Auch Nichtraucherschutz und die mittlerweile hohen Preise für Sky haben in der "Zwiebel" ihre Spuren hinterlassen. „Fußball übertragen wir hier nicht mehr, das ist zu teuer geworden“, erzählt Gudrun. „Da ist es an den Spieltagen schon leerer als früher.“ Dass in Kneipen nicht mehr geraucht werden darf, ist das geringere Problem: „Im Sommer macht das gar nichts aus, weil ich ja den Biergarten habe, da darf man ja noch rauchen. Im Winter sieht das schon etwas anders aus. Ich bin ja nur froh, dass ich selbst seit 15 Jahren nicht mehr rauche. Ich meine, wie würde das denn aussehen, wenn ich als Besitzerin ständig vor der Tür stünde?“ Dass in der Kneipe selbst nicht mehr geraucht wird, hat allerdings auch Vorteile: Die Luft ist um einiges angenehmer und auch Fenster und Tresen sind nicht mehr nikotinverklebt. Für die 68-jährige eine Erleichterung – immerhin übernimmt sie in ihrer Kneipe auch das Putzen selbst.

:: Hier wird angepackt: ::

Sieben Tage hat die kleine Kneipe in Buer geöffnet, mittlerweile immer ab 17 Uhr, weil sich der Frühshoppen nicht mehr lohnt. Da stellt sich schnell die Frage, ob der Job für die Rentnerin nicht ziemlich stressig ist. „Stressig? Nein, das empfinde ich gar nicht so. Ich habe hier immer Gesellschaft und kenne ein paar von den Gästen auch schon seit 25 Jahren", erzählt sie. "Ich habe meinen Traumberuf hier gefunden, das können ja auch nicht viele von sich behaupten. Ich gehe jeden Abend glücklich und zufrieden ins Bett. Egal, wie anstrengend der Tag war.“

Doch auch die Freizeit kommt bei der lebensfrohen Gelsenkirchenerin nicht zu kurz: Dienstags hat sie ihren „freien Tag“, da übernimmt ihre Tochter die Schicht in der Kneipe. Sie fährt gerne weg, macht Ausflüge ins Saarland und nach Hessen – „Ich kenne da überall Leute, die ich besuchen kann“, erzählt sie. Auch ihre Schwester in Frankreich besucht sie noch regelmäßig.

Ob sie sich vorstellen könne, die Kneipe aufzugeben? Ihr Blick wird ein wenig verträumt. „Oh ja“, sagt sie, „wenn die Rente nicht so niedrig wäre, hätte ich einen kleinen Wohnwagen und würde damit durch Europa fahren. Vor allem noch einmal in mein geliebtes Malta.“ Sie lacht. „Ich liebe meine Arbeit hier. Aber Langeweile hätte ich trotzdem keine.“



Bisherige Kommentare

Johannes   14.11.2014, 16:51:03 Uhr

Ich weiĂź ja, wo die Zwiebel ist. Wissen andere das auch? Im Artikel habe ich nichts gefunden

MichaL   14.11.2014, 21:19:40 Uhr

VinckestraĂźe 85.

Steht doch oben rechts. Da, wo das sogar auf einer Stadtkarte abgebildet ist :-)

Johannes   14.11.2014, 22:39:44 Uhr

Ups... Auf Handy ist das alles so klein....



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Warum heiĂźt die "Zwiebel" eigentlich Zwiebel?

Im Februar feiert die "Zwiebel" ihren 25. Geburtstag. Ursprünglich war sie ein Projekt der Dortmunder Brauerei und sollte in Krefeld realisiert werden. Als man sich doch für Gelsenkirchen entschied, wurde Gudrun Winnich gefragt, ob sie die Kneipe übernehmen möchte – Was sie tat, ohne eine genaue Vorstellung davon zu haben, was sie eigentlich erwartet. Den Namen „Zwiebel“ wollte sie beibehalten, weil er kreativ klingt, sofort auffällt und gut im Gedächtnis bleibt. Der urige Schankraum bietet Platz für ca. 30 Leute. Die Kneipe an der Vinckestraße 85 hat täglich von 17:00 Uhr an geöffnet.

25 Jahre Kneipengeschichte

René Wollny und Gudrun kennen sich bereits seit 10 Jahren.

Der Monteur aus Sachsen besucht die Kneipe immer, wenn er im Ruhrgebiet unterwegs ist.

Von wegen altes Eisen: Auch viele junge Leute lieben die kleine Eckkneipe.

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