09. Oktober 2012  00:00

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Tattoos & Piercings

Ja, es tut weh!

Klinischer Geruch, Rauchverbot und ein Schild, das auf die Annahme von Hermes-Paketen verweist. Frank Wölfl lehnt sich lĂ€ssig an die Theke seines Tattoo- und Piercingstudios. Auf den ersten Blick mag der stĂ€mmige Ladenbesitzer einschĂŒchternd wirken - doch der Schein trĂŒgt.

Von Sarah Bauer

Frank Wölfl krĂ€mpelt die Ärmel seines Kapuzenpullovers hoch. Seit zehn Jahren ist er sein eigener Boss. SelbststĂ€ndig mit seinem Studio Titan-X am Hertener Busbahnhof, nahe der Innenstadt. Drei Mitarbeiter zĂ€hlt sein Team inzwischen. Dabei besaß der gelernte Kfz-Mechaniker nie den ausdrĂŒcklichen Wunsch, im Metier der kĂŒnstlerischen Qualen tĂ€tig zu sein. Er wollte eine Werkstatt eröffnen, an Autos schrauben. „Ich bin da so reingeraten“, erzĂ€hlt der 38-jĂ€hrige. Zuerst als Kunde, spĂ€ter als Aushilfe in einem Tattoostudio in Bochum, das inzwischen geschlossen wurde. Einen festgelegten Ausbildungsweg gibt es in diesem Berufszweig nicht „aber vier bis fĂŒnf Jahre habe ich schon dort gelernt und gearbeitet.“ SpĂ€ter spezialisierte er sich durch seine große praktische Erfahrung in dieser Branche auf das Piercen. Wölfl lĂ€chelt versonnen. „HĂ€tten mir Bekannte mit 20 gesagt, dass ich heute einmal zugepierct sein wĂŒrde, hĂ€tte ich ihnen einen Vogel gezeigt.“

:: Der Ernst hinter dem Traumberuf ::

TĂ€towierer und Piercer - ein Traumberuf? „Man muss absolut dahinterstehen“, sagt Wölfl und stĂŒtzt seine mit Motiven ĂŒbersĂ€ten Arme auf die hellgraue Platte des Tresens im Eingangsbereich. „Bevor man in diesen Bereich geht, sollte man Geld verdienen und sehen, wie das Leben lĂ€uft.“ Von einem Einstieg mit achtzehn oder neunzehn Jahren hĂ€lt er nichts. „Viele Leute werden Piercer oder TĂ€towierer, weil sie es cool finden und 'rumhĂ€ngen wollen. Doch das gibt dann irgendwann ein böses Erwachen.“ Seine Arbeit bedeute auch nur „born, work, die“ und sei etwas Normales, hinter dem ehrliche Arbeit stecke. „Nur Spaß geht nicht.“ Er steht fĂŒr die Ernsthaftigkeit in einem Job, der von vielen immer noch kritisch beĂ€ugt wird. NatĂŒrlich gehört dazu auch strenge Hygiene. Und wer im Studio eine KneipenatmosphĂ€re erwartet, liegt falsch - hier herrscht das viel diskutierte absolute Rauchverbot.

:: VerÀnderung der Kunden ::

Beinahe könnte man sagen: FrĂŒher war alles besser. Als Wölfl in seiner Jugend einst mit einem normalen Ohrring heimkam, war sein Vater außer sich. „Damals hĂ€tte sich keiner mit 16 Jahren den Hals tĂ€towieren lassen“. Er schĂŒttelt den Kopf, scheint in Gedanken. „Heute kĂŒmmern sich die Eltern nicht mehr darum.“ Viele kommen sogar mit in den Laden, um fĂŒr ihre minderjĂ€hrigen Kinder Unterschriften zu leisten. Denn zwischen 16 und 18 Jahren ist ein körperlicher Eingriff durch Tattoos und Piercings nur mit EinverstĂ€ndnis der Erziehungsberechtigten in Deutschland erlaubt. „HĂ€tte ich eigene Kinder, wĂŒrde ich ihnen vor der VolljĂ€hrigkeit kein Tattoo erlauben“, betont Wölfl.

:: Dumme Fragen unerwĂŒnscht ::

Auch die falschen Vorstellungen, die manche Kunden mitbringen, regen ihn auf. „Es kommen Leute (Anm. d. Red.: Ohne Vorlage) in den Laden und fragen, was ein Tattoo kostet.“ Dies ist natĂŒrlich von GrĂ¶ĂŸe, Detailverliebtheit und gewĂŒnschter Farbe des Motivs abhĂ€ngig und lĂ€sst keine pauschale Antwort zu. Dann deutet Wölfl auf ein kleines Schild, das hinter der Theke hĂ€ngt. „JA - es tut weh!“ steht dort Schwarz auf Gelb. Er grinst nur.

:: Eine unsichere Zukunft ::

Ein Blick in die durch die wirtschaftliche Krise beeinflusste Zukunft. „Sorgen mache ich mir nicht, Gedanken schon“, gibt der gebĂŒrtige Hattinger zu. Er lebt im Jetzt und versucht, das Beste daraus zu machen. Den Standort des Studios, den er 2009 zur VergrĂ¶ĂŸerung seiner RĂ€ume von der Antoniusstraße in die Kaiserstraße verlagerte, möchte er halten, vielleicht sogar einmal ein ZweitgeschĂ€ft eröffnen. „Aber es kann halt immer sein, dass bei den Leuten irgendwann kein Geld mehr fĂŒr diese Art von Lifestyle da ist.“

:: Psychiatrie und Paketshop ::

Auf die Frage, wann er sein skurrilstes Erlebnis im Laden hatte, enttarnt sich erst ein großes Fragezeichen auf Wölfls Stirn, bevor er laut lacht. „Jeden Tag!“ Das Studio ziehe einfach skurriles Volk an, zum Teil sogar Patienten aus der nicht weit entfernt im Schlosspark liegenden LWL-Klinik Herten, die unter anderem eine psychiatrische Abteilung besitzt. Ebenfalls außergewöhnlich ist der im Laden integrierte Hermes Paket Shop. „Als der Herr vom Unternehmen vorbei kam, um sich vor Ort umzusehen, war er auch erst einmal ĂŒberrascht.“ Eine Paketannahmestelle in einem Tattoo- und Piercingstudio habe er auch noch nicht erlebt.

Doch vielleicht ergibt sich daraus ja der Schluss, dass auch TÀtowierer und Piercer einfach nur Menschen sind. Gewissenhaft, freundlich und bodenstÀndig - wie Frank Wölfl.



Bisherige Kommentare

Piercer   15.10.2012, 10:12:49 Uhr

Schöner Artikel!

Boston   30.10.2012, 12:13:50 Uhr

Great inshigt. Relieved I\'m on the same side as you.

Christina   11.12.2012, 16:53:34 Uhr

Ein sehr schöner Bericht von meinem Stamm Tattoo und Piercing laden. Ihr seid ein tolles Team. Daumen hoch !



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Titan-X eröffnete am 1. April 2003 in Herten

Frank Wölfl ist Mitglied im EAPP (European Association of Professional Piercing) und hÀlt damit alle Hygienevorschriften strengstens ein.

Mehr Infos zum Studio gibt es hier.

Das Tattoo- und Piercingstudio Titan-X in der Kaiserstraße in Herten.

„Man muss absolut dahinterstehen“: Frank Wölfl an seinem Tresen.

KneipenatmosphÀre? Falsch gedacht: Hier herrschen Rauchverbot und Hygiene.

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