12. Mai 2012  00:00

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Prostitution

"Wir sind Ehe-Retter"

Antonia ist Prostituierte. Sie geht seit 30 Jahren an der Bickernstraße anschaffen. Ihre Mutter hat sie damals dazu verleitet - heute steht sie hier wegen des guten Geldes. buerpott hat mit Antonia ĂŒber ihren Job gesprochen.

Von Anne Weiser, Matthias Schwarzer und Sebastian Lange

Antonia ist alles andere als schĂŒchtern, als wir zu dritt und mit zwei Kameras vor ihrem Wohnwagen auftauchen. “Finde ich super”, sagt sie, als wir sie um ein Interview bitten. Die Gesellschaft habe ja viele Vorurteile gegenĂŒber Prostituierten. Sie wĂŒrde gerne erzĂ€hlen, wie es wirklich ist. Nur zwei Bedingungen hat sie: Wir sollen nur ihren zweiten Vornamen Antonia verraten, und sie möchte eine Maske fĂŒr ihr Gesicht - sie hat Angst erkannt zu werden. Wir kaufen ihr zwei Glitzer-StirnbĂ€nder bei KiK. Antonia ist begeistert.

Dann lĂ€sst sie uns in ihren Wohnwagen. An einem Kleiderhaken an der Wand hĂ€ngen Handschellen, auf einer Kommode stehen GetrĂ€nke, ReinigungstĂŒcher, Desinfektionsspray und Dildos. Es ist warm an ihrem Arbeitsplatz, denn sie hat einen Ofen. “Das können nicht alle von sich behaupten”, sagt sie. Die jungen Frauen an der Straße hĂ€tten keinen Wagen und stĂŒnden den ganzen Tag in der KĂ€lte. Wir nehmen auf einer Eckbank Platz, legen das Hundekörbchen zur Seite. Antonias Hund ist immer dabei, wartet aber meist im Auto.

:: “Ich verdiene hier mehr Geld, als wenn ich woanders arbeite.” ::

Antonia erzĂ€hlt uns, dass sie schon seit 30 Jahren an der Bickernstraße steht. “Mich hat kein Mann dazu gebracht”, erklĂ€rt sie. “Bei mir war es die eigene Mutter.” Die sei schon Prostituierte gewesen und habe den Straßenstrich damals aufgebaut. “Und wie ein Arzt seinem Sohn die Praxis vererbt, habe ich sofort mit 18 diesen Job von meiner Mutter ĂŒbernommen.” Schule und Ausbildung seien ihrer Mutter egal gewesen. “Und ich war damals nur ein Kind und habe getan, was meine Mutter sagt.” Heute steht Antonia aus einem einfachen Grund noch auf dem Straßenstrich: “Ich verdiene mehr Geld, als wenn ich acht Stunden irgendwo anders arbeite.”

Ganz so einfach sei das mit der Bezahlung heute aber auch nicht mehr. “Vor allem seit der Euro da ist, merkt man den Unterschied.” FrĂŒher habe Sie am Tag bis zu 900 Mark verdient. Wenn sie heute mal 200 verdient, sei sie “King”, sagt sie. Manchmal verdiene sie auch nur 25 Euro oder gar nichts.

:: “Meine Söhne wissen, was ich mache.” ::

An der Bickernstraße hat Antonia eine Art Vorrecht: “Ich bin am lĂ€ngsten hier und werde von den anderen respektiert. Ich bin aber nicht die Chefin - eher die Puffmutter. Ich helfe den anderen Frauen und zeige ihnen, wie das hier lĂ€uft.” Auch habe Sie hier fast als Einzige keinen ZuhĂ€lter. Die anderen Frauen, meist RumĂ€ninnen und Bulgarinnen, wĂŒrden hier arbeiten, damit sie sich in der Heimat etwas aufbauen können.

Antonia war 17 Jahre mit einem AutohĂ€ndler verheiratet und hat mit ihm zwei Söhne. Weil ihr Mann die Familie alleine ernĂ€hren konnte, hörte sie mit der Prostitution auch zwischenzeitlich auf. Doch dann begann ihr Mann, Drogen zu nehmen. Antonia trennte sich und landete wieder auf dem Straßenstrich. Ihre Söhne wissen, was sie macht: “Dem einen habe ich es ruhig und sachlich vermittelt. Der andere hat es knallhart von seinem Vater erfahren.” Der jĂŒngere kĂ€me ganz gut damit zurecht, der Ă€ltere habe große Probleme damit. In ihrer Nachbarschaft weiß inzwischen jeder von ihrem Job: “Ich gehe offen damit um - das ist die beste Lösung.” Sie sei sie auch vollkommen integriert. Niemand rede schlecht ĂŒber ihren Job.

:: Auf der Suche nach der wahren Liebe. ::

Der typische Kunde am Straßenstrich sei der Ehemann. “Wir Prostituierten sind in gewisser Weise Eheretter”, sagt Antonia. Wenn Zuhause im Bett nichts mehr laufe, kommen die MĂ€nner zu ihr. “So lĂ€uft die Ehe ganz normal weiter.” Neben EhemĂ€nnern kĂ€men mal ganz selten Singles oder “Perverse” zu ihr. Die Perversen wĂŒrde sie aber sofort weiterschicken. “Die wollen ganz kranke Sachen”, erklĂ€rt sie. “Zum Beispiel blutig geschlagen oder mit gebrauchten Kondomen eingerieben werden.” Das wĂŒrde sie niemals mitmachen - ganz im Gegensatz zu den anderen Frauen an der Straße.

Trotz tĂ€glicher MĂ€nnerbekanntschaften sehnt sich Antonia nach einer festen Beziehung. “Ich hoffe immer, dass mal der Richtige kommt”, sagt sie. Auf dem Straßenstrich macht sie sich aber keine Hoffnungen: “Hier ist keine Liebe im Spiel, ich mache nur meinen Job. Und die MĂ€nner lernt man hier nicht kennen.”

Dann zieht sich Antonia ihre goldenen Schuhe an. “Die sehen richtig schön nuttig aus fĂŒr’s Video” sagt sie, bevor wir ein paar Schnittszenen mit ihr drehen und uns verabschieden. “Ihr könnt ja noch mal wieder kommen”, ruft sie uns hinterher. “Über mein Leben könnte man ein ganzes Buch schreiben.”



Bisherige Kommentare

Tobi   15.06.2012, 13:20:39 Uhr

Wie kann eine Mutter seiner eig. Tochter nur so etwas antun ..?! nicht mal eine wahl zu lassen zwischen schulischer bildung und das leben auf dem "Strich"... wo bleibt da das Jungendamt ?!

Bismarckhering   26.06.2012, 18:54:51 Uhr

Es ist sicher sehr schwer fĂŒr eine Frau das alles ĂŒber sich ergehen zu lassen. Scheinbar hat Antonia aber seit Jahrzehnten keine echte Alternative. Allerdings ist ihr Standort an der Bickernstrasse alles andere als vertrĂ€glich fĂŒr die Anwohner. Offene Prostitution mitten in einem Wohngebiet ist sicher mehr als problematisch. Man kann eigentlich nur jeder Frau wĂŒnschen, das sie sich nicht fĂŒr Geld an der Strasse anbieten muss. Überhaupt muss nach meiner Meinung der Stadtteil Bismarck dringend in den Blickpunkt geraten, damit sich die unhaltbaren ZustĂ€nde dort endlich zum positiven wenden. Bismarck gehört deutlich zu den Verlierer-Stadtteilen in Gelsenkirchen und es bedarf endlich Hilfen von außerhalb um das Blatt dort zu wenden.

Ecki   01.08.2012, 07:12:17 Uhr

Hallo Antonia.Möchte dich gerne privat kennenlernen



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