07. Oktober 2011  00:00

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Ein ganz besonderer Beruf

Leichengeruch, Maden und Blut

Sie stammt zwar nicht aus Gelsenkirchen sondern aus Herne, aber sie arbeitet hier. Und ihr Job ist mehr als außergewöhnlich: Michaela Grenda reinigt Orte, an denen Menschen gestorben sind.

Von Silke Latzel

„Am schlimmsten war es, als ich in eine Sauna gerufen wurde. Ein Mann starb darin und wurde acht Stunden lang regelrecht gekocht.“ Was für viele Menschen nicht vorstellbar ist, ist seit 2005 Michaela Grendas tägliches Brot. Auf den ersten Blick würde sicherlich niemand vermuten, welchen Beruf die zierliche, blonde Frau ausübt. „Angefangen hat alles bei meiner Arbeit im städtischen Krematorium. Was mit den Menschen nach ihrem Tod passiert wusste ich, nicht aber was mit den Orten geschieht, an denen sie gestorben sind, womöglich lange Zeit lagen, bevor sie gefunden wurden.“ Sie sucht sich Hilfe, informiert sich, trifft einen Vertreter für Reinigungsmittel und kauft sich die entsprechenden Gerätschaften, darunter Dampfreiniger, Nass- und Trockensauger, ein Mittel das den Leichengeruch eindämmt.

:: Leben im MĂĽll ::

Nicht nur die Reinigung von Orten, an denen Menschen starben, gehört zu ihrem Spezialgebiet. Auch das Aufräumen von Messie-Wohnungen bietet sie an. „Messies, das sind Menschen die mit, in und auf ihrem eigenen Müll leben“, erklärt sie. „Sie leben dort mit ihren Kindern, haben die Küchentöpfe neben dem Klo stehen. Die Wohnungen quellen über vor Dreck. Es wird nicht gelüftet, alles was die Insektenwelt zu bieten hat, krabbelt dort herum: Maden, Würmer, Kakerlaken, Kellerasseln.“ Sie wird nachdenklich. „Oft sind das nach außen hin ganz normale Familien, man sieht ihnen ihr Messie-Dasein nicht an.“ Gerufen wird Grenda dann von den Vermietern, wenn diese bemerken, dass die Familie einfach abgehauen ist und den Dreck in der Wohnung zurückgelassen hat. „Messies sind fast schlimmer als Leichen.“ Gas- oder Staubmasken gehören genauso zu ihrem Arbeitsoutfit wie ein Spezialanzug, der den ganzen Körper vor Keimen schützt. „Das was ich hier mache ist ja nicht gerade gesundheitsfördernd.“ Durch Schimmelsporen und Staub wurden bei ihr schon einige Allergien ausgelöst.

:: Selbst ist die Frau ::

Grenda arbeitet allein. Ab und zu wird sie von ihrem Lebensgefährten begleitet oder die Menschen aus ihrer Zeitarbeitsfirma, für die sie hauptberuflich arbeitet, sind mit von der Partie. „Scheinbar starke Menschen, die ich an meiner Seite hatte, sind zusammengebrochen und abgehauen, weil sie es einfach nicht aushalten konnten und nicht ertragen haben.“ Sie selbst muss auch ab und zu würgen, das gibt sie offen zu. „Klar ist das so. Bei mir kommt das auch immer auf die Tagesform an.“

:: Eine seelsorgerische Tätigkeit ::

„Wenn ich zu einem Leichenfundort komme, muss mir ich Zeit für die Angehörigen nehmen. Ich kann da ja nicht einfach hingehen und sauber machen, wenn gerade ein geliebter Mensch weggebracht wurde. Die Leute wollen über das Geschehene sprechen.“ Das sei der Teil ihrer Arbeit, der sie am meisten belastet. „Psychisch und physisch ist meine Arbeit sehr anstrengend und ich komme oft an meine Grenzen.“ Sie hat keine Alpträume, kann ruhig schlafen. „Aber ich spreche nicht über das was ich gesehen habe. Das ist passiert und vorbei, sobald ich nach Hause komme.“

Nach einem Einsatz dauert es ein paar Stunden bis sie sich erholt hat. „Wenn ich dann nach Hause komme, steige ich als erstes unter die Dusche oder in die Badewanne, je nachdem wie schwer der Einsatz war.“ Dieses kleine Ritual hilft ihr nicht nur abzuschalten, es ist auch notwendig. „Man riecht ja selbst auch. Sicher, ich trage einen Schutzanzug, Einmalschuhe und klebe jedes noch so kleine Loch ab, damit durch den Anzug ja nichts durch geht.“ Aber der Geruch bleibe trotzdem, nicht nur an ihr selbst, vor allem in ihrer Nase.

:: Literarische Ausarbeitung ::

Anfang September ist ihr Buch „Tatortreinigung – Die Letzte am Fundort“ erschienen. In mehreren Geschichten schildert sie ihre Arbeit. „Der Mann auf der Treppe“, „Das alte Backsteinhaus“ oder „Der gelbe Johannisbeersaft“ sind nur einige Kapitel des Buches. „Ich erzähle über Schicksale und Hintergründe, es gibt viele Informationen wie zum Beispiel eine Tabelle, in der aufgelistet ist, anhand welcher Merkmale man erkennen kann, wie weit der Verwesungsprozess eines Menschen schon fortgeschritten ist.“

:: "Mittlerweile ein ganz normaler Job" ::

Grenda lacht viel und herzlich. Als sie über die Reaktion ihrer Freunde und Bekannten erzählt, als diese erfuhren, welchen Job sie hat, schmunzelt sie: „Die haben vor Staunen den Mund nicht mehr zugekriegt.“ Oft wird sie auch auf der Straße angesprochen, die Menschen kennen sie mittlerweile. „Für mich ist meine Arbeit aber schon längst nichts Besonderes mehr, ich kenn es ja nicht anders.“ Achtung und Respekt bringen ihr die Menschen entgegen. Ihr Umfeld akzeptiert auch, dass sie nicht über die Erlebnisse ihrer Arbeit sprechen will. „Ich mag meine Arbeit. Es ist für mich mittlerweile ein ganz normaler Job.“



Bisherige Kommentare

El   20.10.2011, 17:07:39 Uhr

Krasser Job, toller Buerboss!

make money online   13.09.2013, 05:33:40 Uhr

aujy3F Im grateful for the blog. Great.



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InfoBox

Hier geht's zu Michaela Grendas Homepage.

Informationen zum Buch

Gebundene Ausgabe: 221 Seiten

Auflage: 1., Aufl. (5. September 2011)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 300032674X

ISBN-13: 978-3000326745

Preis: 19,95 €

"Tatortreinigung - Die Letzte am Fundort" (Bilder: Michaela Grenda)

Bei der Arbeit ist Schutzkleidung Pflicht.

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