05. Juni 2011  22:15

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Poetry Slam

Poesie in Buer

FĂŒr einen Abend wurde es poetisch im Gelsenkirchener Stadtteil – Dichtende und Poesiefreunde trafen sich am Samstagabend in der KĂŒnstlerwerkstatt, um gemeinsam der Lyrik zu lauschen. Auch buerpott schenkte den Poeten Gehör.

Von Susann Meier

Die kleine KĂŒnstlerwerkstatt ist brechend voll. Durch die offene TĂŒr drĂ€ngen immer mehr Zuhörer. Neugierige Passanten bleiben stehen, schauen durch die großen Fenster. Hitze durchdringt den Raum, in dem lyrische Worte aus Gedichten klingen. Nein, hier ist nicht die Rede von Goethe der seine Gedichte vortrĂ€gt. Es geht um Poetry Slam, der modernen Form eines Dichterwettstreits.Ein solcher literarischer Wettstreit fand am Samstagabend in Buer statt. Die KĂŒnstlerwerkstatt in der Hagenstraße, die normalerweise fĂŒr Ausstellungen, Konzerte oder VortrĂ€ge genutzt wird, wurde fĂŒr einen Abend zum Ort der Poesie.

:: Was zÀhlt, ist das Wort ::

Acht Kandidaten treten heute in zwei Runden gegeneinander an. Sie tragen dem Publikum ihre selbstgeschriebenen Texte vor und performen, was anschließend nach Inhalt und QualitĂ€t vom Publikum durch eine Abstimmung bewertet wird. Mitmachen darf jeder.

Es ist 19.30 Uhr an einem schwĂŒlen, warmen Sommertag, an dem es viele in die kleine KĂŒnstlerwerkstatt gezogen hat. So viele, dass die wenigen SitzplĂ€tze schnell besetzt sind und einige Zuschauer das Spektakel vom TĂŒrrahmen aus verfolgen mĂŒssen. In der Werkstatt ist es wuselig. Die KĂŒnstler witzeln herum, die GĂ€ste suchen einen Sitz- oder Stehplatz und auch die 25-jĂ€hrige Organisatorin Dea Sinik wirkt nervös.

:: poetry perfomance ::

Die Idee des Poetry Slams ist, den Text nicht nur zu lesen, sondern ihn auch zu performen und das meistens innerhalb einer bestimmten Zeitvorgabe. Die erste Slammerin Martyna liest ihre Geschichte wie auch alle anderen Kandidaten ab. Sie schreit dabei, betont, wird mal wĂŒtend und manchmal muss sie lachen. Die Zeit ist heute fast egal. Es geht um den Spaß und um das „Zusammenkommen zwischen Lokalisten und Neulingen“, wie Dea Sinik erklĂ€rt. Auch ihre Mitstreiter, die neben ihr in einem Kreis zusammen sitzen, lachen und feuern sich gegenseitig an. Von Konkurrenz keine Spur.

Thematisch wird alles aufgetischt. Von Kotze und Fresserei ĂŒber den Atomausstieg, Politik, Gesellschaft und Liebes- und Kindergeschichten, es wird gelacht, aber auch nachgedacht. Wirkliche Richtlinien gibt es beim Slammen nicht.

:: Poetry Slam hat Tradition ::

Poetry Slam gibt es in veralteter Form schon etwas lÀnger. Die Tradition des Dichterwettstreits reicht sogar bis ins Mittelalter. Die Idee wurde 1986 von dem US Performance Poeten Mark Smith in Chicago entwickelt. 1986 gab es auch in Deutschland erste AnsÀtze zu Poetry Slams. Dauerhaft etabliert hat sich diese Szene aber erst ab Mitte der neunziger Jahre. Heute finden Poetry Slams jÀhrlich in etwa sechzig deutschen StÀdten statt.

:: Lachen garantiert ::

Nacheinander slammen die Kandidaten und begeistern das Publikum. Den grĂ¶ĂŸten Applaus gibt es fĂŒr den 29-jĂ€hrigen Maschi, „ein alter Hase im SlamgeschĂ€ft“, wie Dea ihn nennt.Dunkle kurze Haare, ein schwarz-weiß kariertes Hemd- er wirkt eher normal. Er geht schleppend auf das Podest, holt sich dann noch einen Stuhl und verteidigt sich schwer atmend: „Ich halte das sonst nicht durch hier“. Er liest aus einem kleinen, schon etwas lĂ€dierten Tagebuch, die EintrĂ€ge von „Randolf“. Es sind nicht nur die Worte, die Leute zum Lachen bringen, sondern auch seine Art, den Text vorzutragen. Er sitzt breitbeinig auf dem Stuhl, stĂŒtzt einen Arm auf seinem Oberschenkel und spricht schnell aber laut und eindringlich. Auch Andre begeistert. Er philosophiert ĂŒber die Liebe und hat einen sehr nachdenklich stimmenden Schreibstil.

:: Das Halbfinale naht ::

Dann folgt die Pause, die erste Runde ist geschafft. Die Zuschauer drĂ€ngen nach draußen in die kĂŒhle Abendluft. Die Slammer stoßen mit kaltem Bier an. Es ist laut auf der Straße. Alles schwatzt und lacht und es herrscht eine friedlich, harmonische AtmosphĂ€re. Es werden Zettel fĂŒr die Abstimmung ausgeteilt. Jeder darf einen Favoriten aufschreiben. Maschi hat GlĂŒck, er wird direkt ins Halbfinale gewĂ€hlt. Alle anderen mĂŒssen sich noch einmal beweisen. Gleiches Prozedere, neue Texte. Die Kandidaten slammen, was die Texte hergeben. SpĂ€ter stehen Martyna, Andre und Maschi sogar zu dritt im Finale.

:: Literatur und Liebe ::

Heute gibt es viele LiebeserklĂ€rungen. Sie sind nicht nur an die Musik gerichtet, sondern auch an die Freundin, so wie es Andre in seinen Reimen macht. Seine Texte sind aus dem Leben gegriffen, er könne sich gut in Situationen hineindenken, sagt er. Aber auch Maschi nutzt die Gelegenheit und baut die Frage, ob seine Romanze nun auch endlich seine Freundin sein möchte, in seinen Text mit ein. Am Ende des Abends konnte er sich gleich doppelt freuen. Er gewann zusammen mit Mitstreiter Andre das Finale und wurde auch fĂŒr seinen Mut in Liebesdingen belohnt. Andre freute sich ebenfalls ĂŒber den fĂŒr ihn unerwarteten Sieg. „Ich hab wirklich nicht gedacht, dass ich heute so weit kommen wĂŒrde. Ich hatte ja nicht mal einen dritten Text fĂŒr's Finale dabei und hab' noch schnell einen alten rausgekramt“, sagt er lachend. Er schreibt schon seitdem er fĂŒnfzehn ist, wurde aber erst im letzten Jahr durch einen Freund auf „Poetry Slam-Szene“ aufmerksam.

:: Location Buer ::

Am Ende ist auch Veranstalterin Dea glĂŒcklich und erleichtert. Die Germanisitik und Italienisch- Studentin organisierte bereits zum dritten Mal einen Slam in Buer. Sie selbst zĂ€hlt das Slammen zu ihren Hobbys. „Ich fand es immer schade, dass es so was nicht in Gelsenkirchen gab, obwohl es hier so viele kreative und talentierte Leute gibt. Ich finde, dass sich Buer perfekt dafĂŒr eignet. Es hat seine eigene Szene mit den Menschen und den LokalitĂ€ten“, meint die Bueranerin. “ Leider ist die KĂŒnstlerwerkstatt bald fast schon zu klein.“ Diese hat sie mit Bedacht als Location fĂŒr die Slams ausgesucht: „Slammen ist fĂŒr mich Kunst – da passt doch eine KĂŒnstlerwerkstatt optimal!“

Am 17. September ist wieder jeder herzlich eingeladen, bei einem Poetry Slam Abend mit dabei zu sein.



Bisherige Kommentare

Dea   06.06.2011, 10:52:46 Uhr

Super Artikel und vielen Dank fĂŒr die UnterstĂŒtzung!

Andre   07.06.2011, 20:21:37 Uhr

bitte mehr davon, und immer schön am ball bleiben!



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InfoBox

poetry: englisch: „Dichtung“

slam: „zuschlagen, zuknallen; jemanden ins Gesicht schlagen“

slam im Sport: Volltreffer oder wichtiges Turnier

slam alltagssprachlich: scharfe Kritik

Weitere Informationen zu Poetry Slam:

www.poetryslambuer.blog.de

www.myslam.de

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