23. Oktober 2009  15:38

Kommentieren

Schalke 04

Sehnsucht nach den Eurofightern

Zum ersten Mal seit 2001 ist der FC Schalke nicht international vertreten. Wie vertreiben sich Buers Fußballfans die Zeit an einem knappenfreien Europapokalabend? Können andere deutsche Vereine als SympathietrĂ€ger einspringen? Ein investigativer Lagebericht aus der Kneipenszene.

Von Jens Harwath

Es ist kurz nach neun, als ich das „Sultan Saray“ am Goldbergplatz betrete. Das Schnellrestaurant ist nicht besonders gut besucht. Ein kurzer Blick in Richtung Theke bringt aber die Erkenntnis: Hier wird Europa League gezeigt. Celtic kickt gegen den Hamburger SV, live und in Farbe. WĂ€hrend die Schotten und Iren unter den 38 821 Zuschauern die Fußballhymne schlechthin in den Glasgower Abendhimmel schmettern, gebe ich meine Bestellung auf. „You’ll never walk allone“, da ist schon was dran. Ein Streifzug durch die SchankhĂ€user des Viertels ohne deftige Grundlage "made in Turkey«? Geht gar nicht.

:: Die Fernbedienung: Machtsymbol der Postmoderne ::

Anpfiff. Doch bereits nach wenigen Ballkontakten werde ich durch eine grobe Unsportlichkeit geschockt. Einer der Köche schaltet auf einen tĂŒrkischen Krimi um. In Originalton, versteht sich. Grimmig dreinblickende Gestalten mit wild mĂ€andernden SchnauzbĂ€rten verstecken eine Leiche im Kofferraum. Schade, dabei zeugt der kunstvoll um eine Lampe geknotete Schalke-Schal doch von einem gewissen Grundinteresse am runden Leder. Der Lahmacun „mit alles“ mundete wie immer vorzĂŒglich, eine prickelnde Europacup-Nacht ist hier allerdings nicht mehr zu erwarten. Auf zu neuen gastronomischen Ufern!

:: Fernsehen als neues Begleitmedium ::

Nur einen Abstoß entfernt heißt das "Kronski" seine GĂ€ste willkommen. Nach eigenem SelbstverstĂ€ndnis eher Cafe, Bar und Restaurant denn schwitzige Fußballkneipe. Doch wie sieht das die potentielle Kundschaft? Eine Gruppe Mittdreißiger steht sich vor dem Eingangsbereich die Beine in den Bauch. "Wir warten noch auf eine Bekannte", erklĂ€rt Thorsten Riek. Der Duisburger setzt klare PrioritĂ€ten: "Als AnhĂ€nger des 1. FC Köln interessiere ich mich natĂŒrlich fĂŒr Fußball. Da ich heute jedoch eher einen netten Abend mit Freunden verbringen möchte, werde ich höchstens mit einem halben Auge hingucken." So denken offenbar auch die anderen Besucher. Eine gewagte Rettungsaktion des Ex-Schalkers Frank Rost verleitet jedenfalls nur die Wenigsten, ihr Interesse in Richtung TV-GerĂ€t zu verlagern. Pastateller und WeinglĂ€ser genießen weiterhin die volle Aufmerksamkeit in der Markthalle.

:: Wirt wieder da ::

Die Halbzeitpause bietet die Gelegenheit fĂŒr einen erneuten Ortswechsel. Ich lasse mich einfach mit den Menschenmassen treiben und lande im „Fliegenpils“. Was von außen zunĂ€chst wie eines dieser „total verrĂŒckten“ Kneipodrome wirkt, entpuppt sich innen als schmucke Sportsbar. An FernsehgerĂ€ten, LeinwĂ€nden und Flachbildschirmen herrscht jedenfalls kein Mangel. Ja, hier schmeckt es deutlich nach StadionatmosphĂ€re. Erfreulich: Der mittags noch verschollen geglaubte Inhaber steht putzmunter hinter dem Tresen. „LĂ€sst Du hier mal die Luft raus?“, dröhnt die als liebevolle Frage getarnte Aufforderung eines Stammgastes ĂŒber den Zapfhahn. Schlanke 111 Cent sind fĂŒr 0,4 Liter Gerstensaft zu entrichten. Da kann selbst ich nicht widerstehen.

:: Zeitlose 80er ::

Bei gefĂŒhlten 40 Grad Celsius und einem großraumdiscoesken LĂ€rmpegel versuche ich gar nicht erst, nach den Nachnamen meiner GegenĂŒber zu fragen. WĂ€hrend die Lokalmatadore Stefan und Thomas mir zuprosten, trifft Eljero Elia im Celtic Park nur die Latte. Eine fremde Schönheit gesellt sich zu uns. Mit „ich hab' in Dortmund studiert und bin BV
“ möchte sie in unsere kleine Fachsimpelei einsteigen. Leider jodelt ZĂŒndy Lauper einfach viel zu zu laut, ich kann nichts verstehen. Sorry liebe Unbekannte, aber dein Anliegen war bestimmt nicht so wichtig. MĂ€dchen möchten doch einfach nur Spaß haben.

:: Jubel in Hamburg ::

Mein nĂ€chster GesprĂ€chspartner stellt sich als "Maik aus Wanne" vor. Bei seinem Anblick frage ich mich, ob es wohl börsennotierte Hersteller von Haargel gibt. Muss ein krisensicheres GeschĂ€ft sein. Der Schalke-Fan drĂŒckt „dem HSV beide Daumen.“ Na, wenigstens einer. Und es scheint sogar zu helfen: Marcus Berg erzielt mit einem satten Rechtsschuss das 0:1. Ein paar Leute klatschen artig, laolahafte Begeisterung wandert aber nicht durch den Fliegenpils. Trotz musikalischer Begleitung durch „Katrina and the Waves“. Keine Frage, die Hamburger sind nicht mehr als ein mĂ€ĂŸig wirksames S04-Surrogat. Immerhin schaffen es die "Rothosen" mit GlĂŒck und Geschick, die FĂŒhrung ĂŒber die Zeit zu retten.

:: Tristesse in Berlin ::

Weniger erfolgreich gestaltete sich hingegen der Auftritt der Berliner Hertha gegen Heerenveen. In einem wie so oft gĂ€hnend leeren Olympiastadion setzte es wie so oft eine peinliche Heimniederlage. Die Zusammenfassung dieser Partie kommt mir bei der Suche nach einem Fazit in Form eines Kommentars aus dem Off zu Hilfe: „Hömma, wiad Zeit, datt wia (Schalke 04, Anm d. Red.) da ma wieda aufrĂ€umen!“ – der Mann hat zweifellos recht. Oder frei nach Loriot: „Europapokal ohne Schalke ist möglich, aber sinnlos.“



Bisherige Kommentare

Simon S.   24.10.2009, 14:33:02 Uhr

Danke Jens, dass du dich der seriösen Sportreportage widmest und mich in Gedanken nach GE kommen lÀsst. Super!



Artikel kommentieren

Ihr Name? (erforderlich)


Ihre E-Mail-Adresse? (erforderlich, wird nicht veröffentlicht)


Ihr Kommentar?



 
 

InfoBox

Zuletzt war der FC Schalke 04 in der Saison 2000/2001 fĂŒr keinen der europĂ€ischen Vereinswettbewerbe qualifiziert. In der Bundesliga konnte Königsblau damals die Vizemeisterschaft erkĂ€mpfen.

Es folgten acht erfolgreiche Spielzeiten im internationalen GeschÀft mit einer Halbfinalteilnahme im UEFA-Cup (2005/2006) als Highlight.

Die komplette Schalker Europapokal-Bilanz kann >hier eingesehen werden.

Lecker Essen, wenig Fußball.

Das Kronski in der Markthalle.

Sieht nicht so aus, ist aber eine Sportsbar.

In cervisia veritas.

Ja, auch diese Webseite verwendet Cookies. Hier erfahrt ihr alles zum Datenschutz